10.10.2017 Dieser Artikel als .pdf

Weisheit an die Macht!

Wir bewegen uns auf eine neue Klassenspaltung zu,
die nicht mehr auf Geld beruht, sondern auf der Fähigkeit,
seinen kritischen Geist einzusetzen und Informationen zu sortieren.

Umberto Eco

Ursprünglich sollte dieser Text »Die Unfähigkeit zu trauern der Linken« heißen. Dann löste sich die erste Hälfte des angedachten Titels mit dem Text von Antje Feiks und Thomas Dudzak auf: »DIE LINKE gestalten. Herausforderungen einer Mitgliederpartei…«. Die Autoren bedauern darin beispiels­weise: »Unsere Fähigkeit zum solidarischen Diskurs hat enorm gelitten« und stellen die Wichtigkeit von Sachlichkeit und Akzeptanz in Debatten wie jener zur »Republik Europa« heraus. Solches Nachdenken verkörpert den Wert, den der Humanismus gegenüber den heutigen, kurzfristig profitableren Ideologien des Post- und Transhumanismus besitzt.

Doch auch das Konzept einer politischen »Linken« erscheint mir überholt. In ihrem Vortrag »Über das Ende von rechts und links« argumentiert Diana Kinnert, dass »lineare Gesinnungsachsen nicht mehr zeitgemäß sind«, weil sie heutige Politik wie einen wirren Traum erscheinen lassen. Schon länger durch die traumartigen Metaphern der »Tausend Plateaus« von Deleuze & Guattari beeinflusst, hätte es für mich keiner weiteren Beispiele dafür bedurft, dass links und rechts nur noch Richtungen auf der deutschen Landkarte sind, die links heller als rechts ist, wenn man die den Nationalismus befürwortenden Stimmen einträgt – heute oder 1933.

Aber Katrin Göring-Eckardt von den Grünen legte nach, indem sie sagte, sie wolle sich in Sachen Heimatliebe von niemandem übertreffen lassen: »Und für diese Heimat, für dieses Land werden wir kämpfen.« Als handele es sich bei Heimatliebe um eine olympische Disziplin, auf einer linearen Skala messbar. Oder bezog sie sich dabei auf den Wahlspruch der Grünen in Niedersachsen: »Eine offene Gesellschaft ist die beste Heimat« oder meinte sie sogar Ernst Blochs Ansicht von Heimat als etwas (ähnlich der Liebe), »worin noch niemand war«? Wer weiß. Ist Deutschland ein Weltmeister, der träumt, er sei eine Heimat, oder ist Deutschland eine Heimat, die denkt: »Ich bin Weltmeister«? Der Philosoph Dschuang Dschou lässt grüßen.

Nun also nicht mehr links oder rechts, sondern global oder national, Welt oder Heimat, republikanisch oder demokratisch. Den Unterschied zwischen einer Republik als »Gemeinwesen«, als »Common­wealth« (gemeinsames Vermögen) und einer Demokratie, die auch zu einer Tyrannei der Mehrheit verkommen kann, erklärt Ulrike Guérot in einem Interview mit Tilo Jung. Um den gesellschaftlichen Frieden langfristig zu wahren darf also gerade nicht gelten, dass »meine Unwissenheit genauso gut ist wie dein Wissen« oder dass Verachtung zu einem akzeptablen Diskurs werden kann.

Neu in dem immer verwirrender geführten Kampf um die Vernunft oder die Vorurteile der Wähler scheint das Ausmaß des Wettrüstens mit psychologischen und technischen Waffen zu sein, das Globalisten und Nationalisten gegen einander betreiben. Der Begriff einer »Neuen Mitte« ist schon verbraucht, bevor das Nachdenken über ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen Globalisten, die ihre Lösungen in der Zukunft suchen, und Nationalisten, die dazu in die Vergangenheit schauen, richtig beginnen konnte.

Hätten alle Probleme tatsächlich nur mit Geld, Besitz und Verteilungsgerechtigkeit zu tun, wären sie vielleicht noch lösbar. Wie aber lässt sich der eingangs zitierte kritische Geist umverteilen? Natürlich muss es mehr Begegnungen und Diskussionen zwischen konkurrierenden politischen Lagern geben, ähnlich wie dieser Vortrag (in Englisch) sie zeigt. Dabei müssen sich Wähler darüber klar werden, dass es »global« nur einmal gibt – nicht doppelt als ein »böser« finanzkapitalistischer und ein »guter« intellektueller Globalismus. Sowohl das Kapital als auch der Intellekt sind ihrem Wesen nach transhumanistisch und posthumanistisch, das heißt nicht mehr zwingend an die menschliche Existenz gebunden. Zunehmend sind Computer und Künstliche Intelligenz in der Lage, Geld und Wissen automatisch zu verarbeiten. Humanistisch bleiben nur das Leiden und die Weisheit.

Wie mit den bei Protestwählern beschriebenen Eigenschaften kollektiven Identitätsverlusts, Diskurs-Aversion und geringer Überzeugung von individueller Selbstwirksamkeit umgegangen werden kann, beschreibt die Psychotherapie der Posttraumatischen Verbitterungsstörung. Eine Verbitterungs­reaktion kann entstehen, wenn nach biografischen Kränkungen die Neuorientierung misslingt und der oder die Betreffende in einer hilflosen, wütenden Opferhaltung gegenüber dem wahrgenommenen Auslöser der Verbitterung verharrt. Dieses Verhalten wurde auch unter dem Begriff der »Institutionellen Abwehr« beschrieben. Worin jene Weisheitskompetenzen bestehen, welche die Selbstwirksamkeitserwartung wieder steigern und die Kränkungsverarbeitung erleichtern, erläutert Prof. Michael Linden in einem Vortrag.

Die folgende, unvollständige Ideenauflistung skizziert, wie die Übertragung von Weisheitskompe­tenzen auf die politische Ebene gelingen kann:

  • Obwohl unterschiedliche Formen des Denkens, der Bildung und der Wissenschaft zur Spaltung der Gesellschaft beitragen, kann der Ausweg aus dem Dilemma nicht im Rückfall in einen Antiintellektualismus liegen, wie wir ihn beispielsweise aus dem Text kennen, der ausdrücklich nicht zur Europahymne gehört. Auch wenn man sich »mit dem Skandal befasst, was alles nicht geht«, muss das auf intellektuelle Weise geschehen.
  • Nachdenken über Politik kann intensive Gefühle der Wut, Angst, Trauer oder Müdigkeit auslösen und setzt deshalb Ausgleich durch Sport, Hobbys, Familie und Gespräche mit Gleichgesinnten voraus.
  • Wenn ein Gesprächspartner wütend ist, auf seiner Opferrolle beharrt oder beleidigend wird, muss man sich mit dieser Emotion nicht identifizieren. Man darf gelassen und sachlich bleiben, denn weder innerhalb noch außerhalb politischer Diskussionen gibt es ein Recht auf emotionales Gespiegeltwerden.
  • Politik ist das fortlaufende Neuaushandeln von Grenzen. Grenzen sind dabei nicht auf die Form von Mauern und Gesetzen beschränkt, sondern umfassen auch die Grenzen sozialer Rollen, Generationen, Religionen, Ästhetik oder sprachlicher Verständigung. Das Programm des kürzlich stattgefundenen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Semiotik kann als Beispiel dienen. So sind alle Aktivitäten zu begrüßen, die die unterscheidende Funktion der Sprache fördern: Blogs, politische Diskussionen oder eine öffentliche Lesung von Agambens »Herrschaft und Herrlichkeit« vor dem deutschen Kanzleramt.
  • Toleranz gegenüber Ungewissheit lässt sich üben. Das geht durch das Überwinden von Ängsten (Schwimmen oder Klettern, einen Hund streicheln, öffentlich sprechen), durch Beschäftigung mit Biografien, Krimis, Horrorfilmen, Science Fiction, Literarischer Moderne, Surrealismus oder mit den Lebensgeschichten der eigenen Familie.
  • Der Perspektivwechsel hinein in die politische Situation anderer Länder muss erleichtert werden, indem Beiträge ausländischer Medien ins Deutsche übersetzt werden, beispielsweise aus The Guardian, BBC, Le Monde, Washington Post und Gazeta Wyborcza.
  • Städte können eine »Speakers’ Corner« einrichten oder politische Seminare organisieren, um Laienvorträge und Publikumsdiskussionen zu fördern.
  • Jobcenter können als »Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung« Weisheitstherapien anbieten.
  • Entgegen dem geübten Anschein der Undurchschaubarkeit mancher Politiker ist auch Globalismus persönlich gelebte Identität. Deshalb müssen Wähler einen teilweisen, aber lebendigen Einblick in Bildung, Freundschaften und internationale Visionen von Politikern erhalten, damit beispielsweise ein USA-Aufenthalt nicht gleichbedeutend zu Intransparenz wird: »…ist dort wahrscheinlich von den Rothschilds auf Kurs gebracht geworden«.
  • Politische Auseinandersetzungen müssen wieder »mit Trennschärfe und Genauigkeit, entwaffnender Unaufgeregtheit und neuer Sachlichkeit« geführt werden.

Anstelle von Nostalgie über vermeintliche verlorene Paradiese und neuen Spiegelfechtereien zwischen Religionen haben wir noch nicht ernsthaft genug versucht, die negative Trinität aus dem Unverstandenen, dem Unerreichbaren und dem Unmöglichen aushalten zu lernen. Verschiedene »Alternative Zehn Gebote« bieten Anregungen hierfür.

Vor 58 Jahren sagte Hannah Arendt: »Wie schwer es sein muss, hier einen Weg zu finden, kommt vielleicht am deutlichsten in der gängigen Redensart zum Ausdruck, das Vergangene sei noch unbewältigt, man müsse erst einmal daran gehen, die Vergangenheit zu bewältigen. Dies kann man wahrscheinlich mit keiner Vergangenheit, sicher aber nicht mit dieser. Das höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen und abzuwarten, was sich daraus ergibt.«

Weisheit an die Macht!

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