29.03.2017 Dieser Artikel als .pdf

Was ist politisierte Psychotherapie?
Schöne neue Gleichgültigkeit und die neoliberale Norm in der Psychotherapie

Dank Twitter stieß ich auf den Artikel »What is Politicized Psychoanalysis? Trump Problems and the Neoliberal Normal in Psychoanalysis« der Psychoanalytikerin Dee Polyak. Die Autorin geht darin der Frage nach: »…ist die Psychoanalyse bereit, ein Patient mit Symptomen zu sein, ein Patient, der unter den Bedingungen und dem Nichtanerkanntwerden im Neoliberalismus leidet?«

Das bestenfalls halbherzige Anerkanntsein der Psychotherapie durch die Entscheider im deutschen Gesundheitswesen steht mir mit der aktuellen chaotischen Änderung der Psychothera­pierichtlinie durch fachfremde Funktionäre einmal mehr vor Augen. Ich bin Verhaltenstherapeut, hege darüber hinaus jedoch eine Liebe für das »Objekt klein a« des Psychoanalytikers Jacques Lacan und würde gern als Vertreter einer Integrativen Psychotherapie praktizieren. Ist eigentlich schon das letzte Wort darüber gesprochen, ob die Schulenspaltung implizit politisch ist, weil ihr unvereinbare Menschenbilder zugrunde liegen, oder handelt es sich da letztlich um »Narzissmus der kleinen Differenzen«, nicht zuletzt des Einkommens? Ich jedenfalls glaube, Sokrates würde sich über die Zersplitterung der Psychotherapie im Grab umdrehen, wenn er noch eines hätte.

Während unserer Demonstration für Honorargerechtigkeit am 25. September 2014 in Berlin ließ eine Passantin die Bemerkung fallen: »Die haben doch selber einen an der Klatsche.« Mit dem geübten Reflex sokratischer Gesprächsführung stimmte ich still zu: »Wie könnten wir nicht?« Und das war noch vor dem Aufstieg von AfD und Trump, die unser »Geschäftsmodell«, Wut und Verachtung mit achtsamer Selbstklärung zu begegnen, erst recht nicht unterschreiben. Polyak denkt in ihrem Artikel über eine Wiederbelebung der Laienpsychoanalyse nach, um der zuneh­menden strukturellen Diskriminierung von Teilen der Bevölkerung zu begegnen. Für mich ist die wachsende Anzahl qualitativ hochwertiger Selbsthilfevideos auf YouTube schon ein Ansatz für »quelloffene« Psychotherapie. Mein Vorschlag, wie wir unseren politischen und berufspolitischen Ideen, Zweifeln und Doppelbindungen einen vorläufigen Ausdruck verleihen können, ist jedoch ein anderer. Auf die Frage: »wer ist der Analytiker eines solchen Diskurses?« schlage ich bewusst eine technische, nicht an bestimmte Personen gebundene Antwort vor: Twitter.

Nicht nur für uns als Psychotherapeuten grenzt es an kontraphobisches Verhalten, unseren Namen und noch mehr unsere Gedanken der globalisierten Technik anzuvertrauen. Sind doch viele unserer gesellschaftlichen Probleme gerade technischer Natur: der Verlust von Arbeits­plätzen, der auf Millisekunden automatisierte Börsenhandel, die hochtechnisierte Kriegsführung einschließlich Spähskandalen, die Spannung zwischen menschlichen Werten und dem sich entwickelnden Feld der Maschinenethik. Am liebsten möchte ich über das Viele, das ich kaum ansatzweise verstehe, mit den Schultern zucken, mein Honorar optimieren und meinen nächsten Urlaub am Meer buchen.

Im digitalen Zeitalter gehören Psychotherapeuten zu den Experten des »Analogpunk«: wir üben mit Patienten das Riechen an Blumen, das Laufen über Kieselsteine und den Blick hinunter aus gläsernen Aufzügen, § 11 Abs. 6 der Psychotherapie-Richtlinie schreibt das persönliche Gespräch vor und der natürliche Feind des Praxisnotebook ist eine Verbindung ins Internet.

Es ist Praxisalltag, dass die politischen, sozialen und technischen Problemfelder sich in kognitive Dissonanzen und Grundkonflikte unserer Patienten »einschreiben«. Warum schreiben wir als Berufsgruppe dann der Politik so selten zurück? In dem Film »Falsche Bewegung« von Wim Wenders gibt es den Dialog:

Wilhelm: »Glauben Sie, dass man schreiben kann, wenn alles Politische einem fremd geworden ist?«
Laertes: »Wenn man beschreiben könnte, wie es zu dieser Fremdheit gekommen ist. Sie darf nur nicht als das Natürliche erscheinen.«
Wilhelm: »Dann müsste ich ja die ganze Geschichte des Abendlandes erzählen.«
Laertes: »Freilich, ja.«
Wilhelm: »Eigentlich ist mir das Politische erst mit dem Schreiben unfassbar geworden. Ich wollte politisch schreiben und merkte dabei, dass mir die Worte dafür fehlten. Das heißt, es gab schon Worte, aber die hatten wiederum nichts mit mir zu tun. Ich hatte überhaupt kein Gefühl dabei. Ich dachte, das ist doch nicht von mir. Ich schrieb, wie vielleicht fortschrittliche Politiker reden, nur hilfloser, weil ich nicht handelte und pointierter, aber aus Hilflosigkeit.«
Laertes: »Aber das wäre doch ein Grund gewesen, politisch aktiv zu werden und das Schreiben sein zu lassen.«
Wilhelm: »Aber ich hatte doch gerade mit dem Schreiben bemerkt, dass ich meine Bedürfnisse nicht auf politische Weise formulieren konnte. Ich fand sie bisher nie von Politikern geweckt, immer nur von Poeten.«

»Freie Mitteilung von Gedanken und Einfällen« ist auf dem brandneuen Patienteninforma­tionsblatt »PTV 10« der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als erstes Beispiel für »spezielle Methoden und Techniken« der Psychotherapie genannt. Eine politische Körperschaft bewirbt die poetische Form des Bewusstseinsstromes! Ich »containe« jetzt mal den Widerspruch, weshalb es für die Kassenärztliche Bundesvereinigung der Patient zu sein scheint, der »spezielle Methoden« anwendet, nicht der Psychotherapeut, googele frei assoziierend nach dem »Über­gangsobjekt der Hysterie« und klicke in den Ergebnissen auf den Wikipedia-Artikel zur »Belle indifférence«.

Freud und seine Nachfolger beschrieben die »schöne Gleichgültigkeit« als einen psychischen Zustand, der das Ergebnis einer erfolgreich verdrängten Angst ist. Gleichgültigkeit kann ein Symptom sein. Und das, obwohl zumindest ich die Erfahrung gemacht habe, dass das Streben nach »schöner Gleichgültigkeit« an langen Arbeitstagen mich leistungsfähiger macht. Das Glücksgefühl des Feilens an der automatisierten, sofort abrufbaren Kopie empathischen oder konfrontierenden Verhaltens lässt mir sogar Dialoge über Tod und Einsamkeit leicht werden. »Vielleicht schaffen Sie es, Ihre Erfahrung aufzuschreiben«, sage ich dann zum Beispiel.

Erst, wenn ich, so wie jetzt, selbst etwas aufschreibe, starre ich auf jeden Satz und habe das Gefühl, als Nächstes könnte alles oder nichts folgen und alles wäre trivial. (Im Mittelalter galten die Wissenschaften des »Trivium«, wie die Rhetorik, als weniger intellektuell anspruchsvoll gegenüber den Wissenschaften des »Quadrivium«, wie die Arithmetik. Gesundheitsökonomen sehen das vielleicht noch immer so.)

Die »Belle indifférence« erscheint mir als die erfolgreiche Schwester der »erlernten Hilflosigkeit« und der »Müdigkeitsreaktion in der Gegenübertragung«. Wer löst mir diesen Interessenkonflikt zwischen Effizienz und Effektivität, zwischen der Notwendigkeit, nach den Vorgaben der Psychotherapierichtlinie Geld zu verdienen und meinem Wunsch, dabei kein überragendes Vorbild in der Anwendung der schematherapeutischen Vermeidungs- und Kompensationsmodi zu werden? Die Schematherapie beschreibt den Modus des Gesunden Erwachsenen u.a. mit den Aussagen: »Ich kann lernen, wachsen und mich verändern« und »Ich kann mich verteidigen, wenn ich mich ungerecht kritisiert, missbraucht oder ausgenutzt fühle«. Ist die Psychotherapie schon ein hinreichend gesunder Erwachsener in dem Sinn? Oder muss sie erst noch ihren eigenen Rat befolgen, dass es »an sich schon therapeutisch ist, einer Person dabei zu helfen, dass sie die Ungerechtigkeit ihrer Lage versteht, ihre Selbstwirksamkeit reflektiert und jene Handlungen unternimmt, die sie für richtig hält«?

Die Produktion psychischer Symptome war nie so »Mainstream« wie heute: Medien konkurrieren mit Medien über die Deutungshoheit, Satire floriert ebenso wie Verschwörungstheorien und beim »Women‘s March« setzen Frauen (und Männer) sich Katzenmützen auf. Ich bin in der DDR aufgewachsen, wo die einzig mögliche Verkleidung für politische Stellungnahme die Poesie war, in Liedern wie »Wand an Wand«. Und Mauern werden jetzt wieder gebaut. Ist es auch schon wieder so weit, dass Poeten unsere unliebsame politische Wahrheit aussprechen müssen: »Das psychologische Jahrhundert ist vorbei«?

Oder beginnt für uns Psychotherapeuten gerade erst das politische Jahrhundert? Bestimmt brau­chen wir mehr »resignative Reife«. Nur, worüber genau sollen wir resignieren und in was zum Teufel sollen wir reifen? Oder, in der Sprache der Akzeptanz- und Commitmenttherapie: Was müssen wir lernen zu akzeptieren und welchen Verhaltensweisen fühlen wir uns verpflichtet?

Weshalb haben wir es noch nicht geschafft, dass die Entscheider in Gesundheitswesen und Politik genauso froh und dankbar über uns engagierte, selbstbewusste Psychotherapeuten sprechen, wie wir über die Eigenverantwortlichen und die Interessierten unter unseren Patienten? Ich vermute, es hat etwas mit einem beiderseitigen Gewinn aus paranoider Kollusion zu tun. Gleicher unter Gleichen zu sein kann sich traurig, fragwürdig und unpersönlich anfühlen. Das will man nicht zu häufig haben. Am Ende käme noch heraus, dass Politiker ein Symptom ihrer Wähler und Psychotherapeuten ein Symptom ihrer Patienten sind.

Die große Mehrheit unter uns Psychotherapeuten sind Gleiche unter Gleichen, wenn es um das Maß unseres politischen Nicht-Engagements geht. Noch können wir über die Absurdität und die Sprachzerstörung der heutigen Politik lachen. Noch können wir es uns als politische Haltung durchgehen lassen, wahlweise Huxleys »Schöne neue Welt« zu lesen oder aus Freuds »Unbehagen in der Kultur« zu zitieren. Wenn schon Freud und Einstein in ihrem Briefwechsel an der Frage »Warum Krieg?« gescheitert sind, wie könnten wir diese Frage erneut stellen?

Vielleicht, indem wir uns daran erinnern, dass die Vergangenheit nicht die Zukunft bestimmen muss und indem wir nicht alles glauben, was wir selber denken. Ich finde, wir brauchen mehr öffentlichen, kollegialen Austausch darüber, welchen Werten Psychotherapie im Neoliberalismus folgen soll und wie wir diesen Werten dann gemeinsam politische Geltung verleihen. Ich würde es begrüßen, wenn eine Diskussion hierüber zustande kommt, auch mit Tätigen aus anderen Sozialberufen und über nationale Grenzen hinweg.

Ich schlage vor, dass möglichst viele von uns sich auf Twitter anmelden. Wir können unter existierenden Hashtags wie #Psychologie, #Psychotherapie, #Psychotherapierichtlinie und #ScienceNotSilence zu einander finden. Nach den Vorbildern des #WomensMarch, des #ScienceMarch und des #ClimateMarch können wir auch ein neues Hashtag wie #TherapistsMarch verwenden, um Informationen auszutauschen, zu diskutieren und gemeinsames Handeln planen. Nutzen wir Twitter für die »freie Mitteilung von Gedanken und Einfällen« und als ein »Übergangsobjekt« zwischen dem Psychologischen und dem Politischen! @realDonaldTrump tut es schon, aber auch der @BDPeV, die @KammerRLP, @PiAimStreik, @Psych_Cast, @Groehe und die @KBV4u.

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