12.12.2018 Dieser Artikel als .pdf

TSVG: Noch eine Stimme zu den Stufen

Digitalisierung kann der Psychotherapie nutzen. So viel steht spätestens nach dem großen Erfolg der Petition gegen den Kabinettsentwurf zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) fest. Unsere Kammern und Berufsverbände machen in den Worten des Gesundheitsministers »im Internet Stimmung« gegen die Absicht des Gesetzgebers, »eine gestufte und gesteuerte Versorgung für die psychotherapeutische Behandlung« einzurichten. Stimmung zu machen ist ja eine Kernkompetenz von Psychotherapie. Im weitesten Sinn.

Im Ernst: nachdem bislang keine Erfolgsgeschichte damit geschrieben wurde, dass das E-Health-Gesetz organisatorische Rahmenbedingungen für eine Telematikinfrastruktur vorgibt, in der Hoffnung, diese möge sich später mit fachlich und materiell sinnvollen Inhalten füllen, versucht nun das Terminservice- und Versorgungsgesetz, das Muster einer eher praxisfernen Gesetzgebung zu wiederholen.

Wie soll ich mir die vorgeschaltete Steuerung zugunsten »schwererer« Störungsbilder vorstellen? Wenn nicht genug Behandlungsplätze zur Verfügung stehen für eine alleinerziehende Altenpflegerin mit Panikstörung, einen leitenden Angestellten mit mittelgradiger Depression und einen mit Mitte 20 berenteten Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, wer darf in Psychotherapie und wer soll es bei Alkohol- und Medikamentenkonsum, sexuellen Affären oder nächtlichem Grübeln als Versuchen, sich selbst zu stabilisieren, belassen?

Wenn schon Empathiearmut und Handeln entgegen unserer Überzeugungen von uns Psycho­therapeutinnen und Psychotherapeuten gefordert wird, zum Beispiel in Form einmaliger psychotherapeutischer Sprechstunden, die keinen zusätzlichen Therapieplatz schaffen, dann dient es direkt unserer Selbstfürsorge und indirekt der Fürsorge für unsere Patientinnen und Patienten, wenn wir einen Teil dieser strukturellen Aggression sachlich aber bestimmt zurück in die Politik tragen.

Ebenso wenig wie unsere Patientinnen und Patienten wollen wir, dass die Versorgungssituation für psychisch Erkrankte so unbefriedigend bleibt, wie sie ist. Seit Jahren machen wir Vorschläge für eine Verbesserung. Mit jeden Jahr trat meine Resignation deutlicher hervor, dass die einzig mögliche Voraussetzung für Verbesserungen offenbar wäre, dass das Gesundheitsministerium und die Regierungsverantwortung nicht mehr in den Händen der CDU / CSU lägen. Angespro­chen hat mich der Artikel »Der Konservatismus hat sich erschöpft« in der Wochenzeitung »Die Zeit«. Er versteht unseren betont unerschöpften Gesundheitsminister als Teil und Symptom der Erschöpfung des Konservatismus.

So steht die in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer nicht ganz selbstverständlich gewor­dene Psychotherapie jetzt als Teil einer quasi konservativen Bewegung da, die die relative emo­tionale Ausgeglichenheit der alten Bundesrepublik und das Vertrauen der Versicherten in soziale Marktwirtschaft und Leistungsgerechtigkeit zu bewahren versucht. Welche Leistung es ist, sich in einer Psychotherapie eigenen Ängsten vor dem Scheitern, fast unerträglichen Erinnerungen und der Intensität von Trauer und Wut zu stellen, möge jeder und jede sich selbst denken.

Die CDU / CSU wünscht es sich vielleicht, dass psychisch Erkrankte ihr Heil lieber im Glauben suchen, als in Angeboten zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung. Beruht Glaube doch schon immer auf einer »gestuften Versorgung«, wie es beispielsweise die 16. These Martin Luthers zum Ausdruck bringt: »Es scheinen sich demnach Hölle, Fegefeuer und Himmel in der gleichen Weise zu unterscheiden wie Verzweiflung, annähernde Verzweiflung und Sicherheit.« Mir scheint, als versuche unsere Gesellschaft gerade zu der ganz alten Frage zurückzukehren, wer oder was über das »Heil« eines Menschen bestimmt.

Wir Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wären vermutlich die letzten, die einem Versuch widersprächen, Werte und Glaubensinhalte in die Politik zu übernehmen. Doch sollten wir uns zuvor zu demokratischen Entscheidungsprozessen bekennen und miteinander reden. Psychotherapie ist zu emotional, zu motivierend, zu motiviert und neuerdings auch zu digital, als dass sie sich annähernd zur Verzweiflung bringen ließe.

Bildquelle Tympanon des Hauptportales des Berner Münsters:  Wikimedia Commons.
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