19.06.2017 Dieser Artikel als .pdf

»Sich in der Sprache auffächern«
von Philippe Lacadée auf apreslenfance.com
übersetzt von Matthias Glöckner

Wie wird Sprache heute gebraucht?
Ihre ausschließliche Nähe zum Vorwand ist bestrebt,
durch eine neue Verbindung ersetzt zu werden,
in der ein »gutes Sprechen« möglich ist.

Ich beiße mir leidenschaftlich auf die Zunge.

Der letzte Teil von Lacans Lehre, insbesondere seine Arbeit über die Lalangue, dient mir als Ausgangspunkt zur Beschäftigung mit der Art und Weise, wie der heutige Jugendliche in beispielloser Form das Genießen des lebendigen Körpers mit der Sprache verknüpft. Konfrontiert mit dem Fehlen von Bezugs­punkten, dem Aufgeben von Traditionen, wodurch manchen jungen Menschen »die symbolische Schuld geraubt ist«, suchen sie, wie Rimbaud, »den Ort und die Formel«, die ihre Existenz tragen können, indem sie sympto­matische Lösungen für sich erfinden, manch­mal als Sackgasse. Das Genießen außerhalb des Sinns, auf das sie stoßen, das nicht zu viel auf den allgemein anerkannten Sinn wetten will, lässt sie ihren Körper auf eine neue Art leben. Aufgrund einer Praxis der Zäsur gebrauchen bestimmte Jugendliche eine Art der Sprache und einen Lebensstil, in denen der Rapper sich auszeichnet, um sich mittels sprachlicher Provokation und Beschimpfung einen neuen sozialen Namen zu machen. Andere geben sich in immer größerer Zahl dem Konsum von Drogen hin. Der Jugendliche mit seinem provokanten Sprachgebrauch stört und belästigt den Diskurs der bestehenden Ordnung. Denn sein Verhältnis zur Sprache, mehr metonymisch als metaphorisch, macht den Gebrauch des daraus bezogenen Genießens hörbar, im Namen einer freien Freiheit, wie Rimbaud sie forderte.
Z.A.D. steht für »zone à défendre«, »zu verteidigende Zone«.
Die Sprache, die sich auffächert.

Der Film L’Esquive von Abdellatif Kechiche lässt den besonderen Gebrauch deutlich werden, den manche Jugendliche heute von der Sprache machen. Unter Anleitung ihres Französischlehrers proben die Schüler einer Pariser Vorstadt ein Schauspiel von Marivaux. Ihre Geschichte ist die vieler Jugendlicher. Indem ihre Sprechweise zur gewohnten Sprache einer Gemeinschaft geworden ist, hat sie dieser Gemeinschaft ihre sozialen Bindungen genommen: ihre Mitglieder können nicht mehr die Sprache des Anderen sprechen, zum Beispiel jene des Theaterstücks Das Spiel von Liebe und Zufall.
Die große Raffinesse von L’Esquive besteht darin zu zeigen, wie die Anwendung jener Sprache nicht nur dem Ausweichen und dem Spiel mit Vorwänden dient, sondern wie sie sich dem Realen des Körpers und des Genießens anschließt. Indem sie authentisch zu sein beansprucht, impliziert diese mit sehr rohen, sehr körperlichen Worten aufgeladene Sprache, dass im Namen der Authentizität jede Erfahrung unmittelbar ausgesprochen werde – weshalb ich sie die Sprache der Authenti-Cité genannt habe. Indem sie mit Provokationen hantieren, sich beleidigen, machen die Jugendlichen von der Beschimpfung einen sexualisierten Gebrauch, um so das hinsichtlich der Sexualität in der Sprache bestehende Loch aufzufüllen und zu verbergen. So nennen die Mädchen in dem Film L’Esquive sich untereinander fortgesetzt »meine Eier«.
Die große verbale Spannung, die diese jungen Menschen antreibt, stammt aus ihrer Mühe, das Wort das Anderen zu begreifen, eine Mühe, die den Worten, die der Andere an sie richtet, einen bedrohlichen Ton verleiht, so dass man dessen Worte »verwirren« möchte. Gegen die Sprache des Anderen, die für sie »verschwommen«, »unleserlich« geworden ist, müssen sie sich mit jener Sprache ihres Stadtviertels verteidigen. Ihre sprachlichen Erfindungen, am Wohnort tief verwurzelt, dienen so als Schutz, als Zuflucht.
Dank der Lacanianischen Orientierung, die wir an unserem Institut haben, haben wir gegenüber dem Ansturm das Genießens eine weitere Zuflucht im Universum der Diskurse vorgeschlagen, nämlich einen Ort des Gespräches, der durch das Bemühen, sich des Diskurses selbst als Vorwand zu bedienen, den Eintritt in eine soziale Bindung ermöglicht. Jacques Lacan hat vier Diskurse definiert, in denen das Subjekt den notwendigen Schutz finden kann, um sein Genießen zu zügeln und ihm den angemessenen Platz zuzuweisen.
Welche Art der Sprache bietet der Andere unserer Zeit Jugendlichen an? Zu den Vorboten welchen Verrufs sind bestimmte Diskurse heute geworden, dass junge Menschen sie aufkündigen oder anprangern? Die von Abdellatif Kechiche gefilmten Jugendlichen sind energiegeladen, verletzlich, anrührend, es sind die von »93« und es sind auch die, von denen unser Institut heute spricht. L’Esquive bringt ihre Sprechweise zum Klingen, jene Sprache der Vorstädte, ausdrucksstark, bilderreich, lebendig und wieder-belebend – man muss hinhören, was jene Sprechweise sagen will, wenn die junge Lydia, als sie unter der Leitung ihres Französischlehrers Marivaux spielt, sagt: »sich auffächern«. Der Filmemacher lädt uns ein, ihm in seine Porträtskizzen dieser multiethnischen, zerbrechlichen und leidenschaftlichen Gruppe zu folgen, dieser Jugendlichen, die sich zum ersten Mal in das Abenteuer Kino stürzen: »Sie sind mit ihrer Energie, ihrer Kreativität gekommen, es war eine Zusammenarbeit, ein großartiger Austausch«, sagt er, »ein wahres Verjüngungsbad«. Ein »echtes Leben« hätte Rimbaud gesagt. Lacan sagt, nachdem er an die Arbeit von Jean Paulhan über die Erfahrung des Sprichwortes erinnert hat: »An den Rändern der Funktion des Sprichwortes kann man in der Tat entdecken, dass die Bedeutung etwas ist, das sich auffächert, wenn sie mir diesen Ausdruck erlauben, vom Sprichwort bis hin zur Redewendung.«

Sprache, dieser Held, um nicht zu sagen, dieser Eros.

Das Buch Unterhaltungen über die französische Sprache lädt uns ein, uns ebenfalls in den Gärten der lebendigen Sprache zu unterhalten und aus dieser schönen Sprache unseren eigenen französischen Garten zu machen. Der wahre Held dieses Buches ist die Sprache, die uns die Ehre ihrer Gesellschaft gibt und uns in die Unterhaltung hineinzieht. Dieses Buch zeigt sich entschlossen enthusiastisch über das Genie unseres Helden, wenn auch von Medien und Politikern ausgeteilte Argumente in den Ausdrücken der Jugend, welche die Sprache weit über die besagte Vorstadt hinaus infiltrieren, eine Gefahr sehen. Das Französische ist gut gerüstet, es ist eine der geeignetsten Sprachen, um seine Zeit angenehm mit ihr zu verbringen, und sie bietet reiche kreative Freiheit. Dies ist es, was man zu hören bekommt, wenn man sich in die Gesellschaft der Sprache junger Leute bemüht, und wenn man ihnen eine Gelegenheit bietet, die schönen Werke unserer Literatur auch laut vorzulesen, um deren Vieldeutigkeit erklingen zu lassen, an die Lacan uns erinnerte, ganz wie Freud es in der Behandlung seiner Patienten tat. Dieser Übergang ihrer provozierenden Sprache, die häufig in eine Sackgasse geraten ist, zur Sprache der Literatur, führt sie häufig zu der Erkenntnis, dass, wie Proust sagte, das wahre Leben in der Literatur ist. Ob als Mutter- oder als Zweitsprache, ruht das Französische auf reichen und festen Fundamenten. Grammatik und Rhetorik sind zwei ihrer Pfeiler, welche die Migrantenströme – die im Übrigen nicht aufhören, sie zu bereichern – ruhig hindurch lassen und sie in aller Stille das Glück »einer veränderlichen Recht­schreibung« leben lassen, Zeugnis des Lebens der Worte, welche nur die Jugendlichen leben lassen möchten.
Das Spiel des Fort-Da, als das erste Kinderspiel, das die Aufmerksamkeit Freuds weckte, illustriert für Lacan das Leben der Worte, indem das Kind die Einsamkeit auf die Probe stellt und eine Figur der Rhetorik erfindet. Die Sprache empfängt den, der sie respektiert, und der mit ihr bis dort hinaus zu spielen weiß, wo er die Macht der Beschwörung als Gabe des Wortes zum Klingen bringt, in dem überraschten Gewahrwerden, dass wir in unserer Rede über das hinaus sprechen, was wir zu sagen meinen. Sprechen heißt Position zu beziehen, vorausgesetzt, dass man zwischen den gesprochenen Worten da eine Pause macht, wo ein Signifikant allein nichts bedeutet, weil er sich im Wissen des Anderen artikulieren muss, um im Gegenzug einen Sinn zu erhalten. Übrigens verleiht dies dem Anderen, der zuhört, während man zu ihm spricht, eine gewisse Pufferwirkung, indem er im Raum des Sprechens den Platz der möglichen Skansion einnimmt, die sich an jene Pause zwischen den Worten knüpft.
Diese Mittelbarkeit ist für Menschen häufig unerträglich, die in der Unmittelbarkeit ihrer Sprache sein wollen, möglichst nah an jeder ihrer neuen Empfindungen. So lassen manche Jugendliche diese Pause im Sprechen nicht zu, weil sie nicht mit dem Leerraum konfrontiert werden wollen, der durch das Aussprechen eines Wortes nach dem anderen entsteht, und den sie als zu beängstigend erleben. Statt dessen benutzen sie das Sprechen als Pose, als simple Präsentation ihres Seins, als Haltung in der Sprache. Unsere geschwätzige Moderne bringt den leeren Raum bedeutsamer Artikulation in Gefahr, den Raum der Vieldeutigkeit der Sprache, aus dem Über­raschung und Neues hervortreten kann; jenen Ort, dem die schöpferische Kraft der Sprache innewohnt. Der Gebrauch der persönlichen Sprache eines jeden erlaubt zu erfassen, was Sprechen heißt, dort beansprucht der Jugendliche seine subjektive Freiheit in der Entscheidung für die eigene Art zu sprechen und für das Erfinden einer eigenen Sprache. Wir müssen darauf achten, dass jeder die Sprache des anderen respektiert und seine Sprache nicht misshandelt, bis hin zu Beschimpfungen seinesgleichen im Namen eines wahren und authentischen Sprechens. Es stimmt, dass – wenn wir alle Französisch sprechen, jeder von uns mit seinen eigenen Ausdrücken, seinem Tonfall, seinem Rhythmus, seiner Phrasierung, in seinem eigenen Stil, der sein charakteristisches Verhältnis zum Genießen der Sprache bezeugt – dass dann jeder seine Sprache in dem Maß selbst erschafft, wie er sich bemüht, die Sprache genießen zu lassen, wenn er zu ihr spricht. Denn so ist es: wir sprechen zu jener Sprache, deren Kinder wir sind.

Die Haut der lebendigen Sprache hat keine Farbe.

Dies lässt an die Sätze Lacans im Seminar über das Sinthome denken, wo er sagt: »Wir entscheiden uns für die Sprache, die wir tatsächlich sprechen. In Wirklichkeit stellen wir uns nur vor, wir hätten uns entschieden. Und was die Sache löst, ist, dass wir letzten Endes die Sprache erschaffen. Es beschränkt sich nicht auf wenige Floskeln, in denen die Sprache erschaffen wird. Wir erschaffen eine Sprache, sofern wir ihr in jedem Moment einen Sinn geben, einen kleinen Schubs, ohne den die Sprache nicht lebendig wäre. Sie ist lebendig, so lange wir sie in jedem Moment erschaffen.« Durch das Begehren, das sie transportiert, vermischt die Sprache unser aller Unbewusste, unsere »sprechenden Sein«, und sagt uns, dass die Haut der Sprache, die wir uns anziehen, mit der wir unser Sein bekleiden, keine anderen Farben hat, als jene, die der Poet in seinen »Vokalen« hörte. Die Sprache, die sich in der Jugend singulär konstruiert, wird mittels ihrer Akteure pluralistisch unter der Bedingung, dass man sie die Hintersinnigkeit der Sprache genießen lässt, die Ambiguität, die sie dem Terrain des Klanges verdankt und die die Sprache des Anderen häufig ironisiert. Es geht darum, die gesprochene Sprache in ihrem alltäglichen und öffentlichen Sinn, wie die entmutternde Schule sie uns lehrt, von der Sprache zu unterscheiden, die sich für jeden von uns spricht, Lalangue, die wir alle vergessen, wenn wir uns nicht in der Erfahrung der freien Assoziation versuchen, wie immer mehr Jugendliche es tun.

Sich in der Sprache auffächern

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