20.12.2019 Dieser Artikel als .pdf

Preußen spazieren tragen

Das Bundesland Brandenburg wirbt mit dem Motto: »Dieser Weg ist das Ziel«. Weitere Slogans hat Radio Eins bei seinen Hörern eingesammelt. »Dieser Weg ist das Ziel« hat nur 19 Buchstaben und sei deshalb schnell zu erfassen. »Tja«.

»Preußen spazieren tragen« ist meine Assoziation auf Podcasts von und mit Judith Holofernes. Wer die von ihr mit der Band »Wir sind Helden« geschriebenen Lieder gehört hat, weiß, dass darin Fröhliches und Nachdenkenswertes zum preußischem Arbeitsethos, zum Ertragen, zum Getragenwerden und zum Spazierengehen vorkommt. Nun sind ihre Podcasts unter dem Titel »Salon Holofernes« für weniges, gut angelegtes Geld auf Patreon zu finden. Ich habe sie während eines Kurzurlaubs in Brandenburg gehört.

Nur der Name Judith Holofernes verstört mich jedes Mal. Selbstverständlich darf, soll, muss Kunst verunsichern, Kindlichkeit und Jugend auch, die Antike sowieso. Man frage Kafka oder Kleist. Theodor Fontanes eher nicht verstörende »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« mag man kennen. Aber diese Literaten, haben auch sie Preußen spazieren getragen?

Diesmal war ich am Stechlinsee bei Rheinsberg. Stechlin wie slawisch steklo – Glas. Unbekannt ist, ob der Name sich auf das glasklare Wasser des Sees bezieht oder auf die Glasmacher, die jahrhundertelang hier, wo es Sand und Holz in Mengen gibt, ihre Öfen heizten. Der Name Rheinsberg verweist entweder auf den Niederrhein, von wo im 12. Jahrhundert Siedler hierher kamen oder auf das Rinnen und Fließen des Wassers. Auch dieser Ursprung bleibt unklar. Eine Schmelze in vielerlei Hinsicht, angefangen bei der Schmelze der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren, die diese Landschaft formte. Zwischen Stechlinsee und Rheinsberg liegt der Nehmitzsee. Sein Name ist von dem slawischen Wort für »stumm« abgeleitet. Tja.

Es gab eine Zeit vor Preußen und jetzt ist die Zeit danach. Vorerst noch bleibt Preußen ein innerer Zustand für mich. Diesen Zustand will ich zusammenfassen als den Zwang, mit allen Kräften Ziele zu verfolgen, deren Konsequenzen zu durchdenken ich nie ganz in der Lage sein werde. Es ist erlaubt, Fragen zu stellen, solange man das Fragenstellen als ernsthafte Arbeit betreibt. Was nicht sein darf, ist das Ermüden, das Aufgeben. Dann würden andere gewinnen. Wer diese anderen sind, bleibt eine weitere Frage. Klar ist, dass die Nachkommen von Protestanten nicht einfach so aufhören können zu protestieren. Allein Christus, allein durch die Schrift, allein durch Gnade, allein durch den Glauben. »Erklär mir Arbeit«.

Als liefe alles, das ruhig an einer Stelle stehen bliebe, Gefahr, im sumpfigen Sandboden zu versinken und wieder zu Eis erstarren. Soll ich mich also nicht noch mit den Schriften von Thomas Mann beschäftigen, bevor ich hier weiter schreibe? Bis 1924 überwogen in seinem Werk psychologischer Scharfblick und Durchschauen. Selbst noch der Versuch, über Preußen nachzu­denken, ist wahrscheinlich eine preußische Eigenschaft.

Brandenburg hat keine Türen und Fenster. Die Sächsische Schweiz hat Felsentore und den Malerweg. In Dresden, auf dem »Balkon Europas«, steht ein leerer Fensterrahmen zur Erinnerung an den Maler Caspar David Friedrich. Die brandenburgische Landschaft braucht den Blick in die Ferne nicht, braucht keinen Rahmen. Hier gehen die Bilder ineinander über, verschmelzen, hören niemals auf, www.bezgranic.eu leitet auf www.ohnegrenzen.eu weiter, der rote Adler auf den roten Hahn.

Der rote Adler ist das preußische Wappentier. Auf dem Siegel jedes in Brandenburg zugelassenen Fahrzeugs fährt er spazieren. »Steige hoch, du roter Adler, über Sumpf und Sand…« In seinem Roman »Der Stechlin« stellt Theodor Fontane ihm den roten Hahn zur Seite. Der rote Hahn steigt seltener hoch. Neuerdings gibt es ihn auch in Form eines Fußabdrucks. In der flachen brandenburgischen Landschaft geschieht die Bewegung von Fußabdrücken überwiegend horizontal.

»Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.« Diesen Fontane-Satz habe ich mir als meinen Leitfaden und meine Haltung für die kommenden technischen, gesellschaftlichen, politischen Veränderungen zurechtgelegt. Dieser Satz ist tautologisch. Das, wofür wir leben, kann das Neue werden. Und der Scherz mit Fontane und dem Binärbaum ist gut.

Ist ziel- und absichtsloses Spazierengehen auf Wörtern oder auf Füßen ein Gegengewicht zum inneren Preußen? Kann Preußen intelligenter, kreativer, menschlicher werden, wenn man es verinnerlicht und durch Brandenburg spazieren trägt? Den Versuch ist es wert. »Um dieser Aufgabe willen, um der Menschheit wenigstens die Scham zu erhalten, fand Kafka mitunter zu einer gleichsam antiken Freude zurück.« Giorgio Agamben in »Idee der Scham«. Vielleicht macht das »uns die Wurzeln breit«.

Zuletzt ein Haiku mit Anagramm:

Das Ziel, die Wurzeln.
Harrten oh. Teich, so geh!
Dieser Weg ist.

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