30.12.2017
Nikolai Alexejewitsch Nekrassow — Die Eisenbahn
Wanja (in einem Kutschermantel):
Papascha, wer hat diese Eisenbahn gebaut?
Papascha (in einem Mantel mit rotem Futter):
Graf Pjotr Andrejewitsch Kleinmichel, Liebes!
Gespräch im Eisenbahnwaggon
I

Prächtiger Herbst! Frische, klare
Luft erneuert die müden Kräfte;
Erstes Eis liegt dünn auf dem Fluss
Wie schmelzender Zucker;

Nahe dem Wald, wie in weichen Betten,
Könnte man schlafen — Stille und Weite!
Laub, noch nicht verwelkt,
Liegt gelb und frisch wie eine Decke.

Prächtiger Herbst! Frostige Nächte,
Helle, stille Tage…
Nichts Hässliches in der Natur! Und Moos
Und Moore und Baumstümpfe —

Alles ist gut unter dem Mondschein,
Überall erkenne ich meine russische Heimat…
Schnell fliege ich über die gusseisernen Schienen,
In meine Gedanken vertieft…

II

Guter Papascha! Wozu den
Klugen Wanja einer Illusion überlassen?
Gestatten Sie mir, beim Mondschein
Ihm die Wahrheit zu zeigen.

Diese Arbeit, Wanja, war furchtbar und riesig, —
Nicht auf der Schulter von Einem!
Die Welt hat einen Zaren: dieser Zar ist gnadenlos,
Hunger ist sein Name.

Er führt die Armee, er beherrscht das Meer;
Er treibt Menschen in die Artele,
Er geht hinter dem Pflug, er steht hinter
Den Schultern der Steinmetze und Weber.

Er trieb dann die Massen herbei.
Viele — in einem furchtbaren Kampf,
Diese unfruchtbare Öde flehte um Leben,
Und schenkte ihnen hier ihr Grab.

Gerade Strecke: enger Damm,
Pfähle, Schienen, Brücken.
Zu beiden Seiten all die russischen Knochen…
Wie viele von ihnen? Wanjetschka, weißt du?

Schhh! Ich höre drohende Rufe!
Getrampel und knirschende Zähne;
Schatten laufen über das frostige Glas…
Was ist da? Gedränge der Toten!

Sie folgen der gusseisernen Strecke,
Sie laufen zu beiden Seiten.
Hörst du sie singen?… «In dieser Mondnacht
Lieben wir es, unsere Arbeit anzuschauen!

Wir schufteten in der Hitze, in der Kälte,
Mit immer gebückten Rücken,
Lebten in Erdhütten, kämpften mit dem Hunger,
Froren und weichten durch, litten Skorbut,

Beraubt von den Schreibern unserer Vorgesetzten,
Ausgepeitscht von Vorarbeitern, die drückende Not…
Alles erlitten wir, Krieger Gottes,
Friedliche Kinder der Arbeit!

Brüder! Unsere Früchte erntet ihr!
Uns ist es bestimmt, in der Erde zu verwesen…
Erinnert ihr euch gut an uns Arme
Oder habt ihr uns längst vergessen?…»

Erschrick nicht vor diesem wilden Lied!
Vom Wolchow, von Mütterchen Wolga, von der Oka,
Von vielen Enden des großen Reiches —
Sie alle sind deine Brüder — Bauern!

Schäm dich für deine Angst, Handschuhe über den Ohren.
Du bist nicht mehr klein!… Blondhaarig,
Sieh, steht dort, ausgezehrt vom Fieber,
Ein großgewachsener, kranker Weißrusse:

Seine Lippen blutleer, Augenlider eingesunken,
Seine mageren Arme wund,
Immer im Wasser kniend,
Seine Beine geschwollen; Weichselzopf im Haar;

Die Brust eingedrückt, weil er sich Tag für Tag
Gegen den Spaten stemmte sein Leben lang…
Schau ihn dir, Wanja, aufmerksam an:
Dieser Mann hat schwer sein Brot verdient!

Seinen krummen Rücken richtet er
Jetzt nicht mehr auf: schweigt stumm
Und der mechanische rostige Spaten
Schlägt in den gefrorenen Boden!

Diese Gewohnheit zu vornehmer Arbeit
Abzuschauen würde uns nicht schaden…
Gesegnet sei die Arbeit des Volkes
Und lerne, den Bauern zu achten.

Ja, fürchte nicht für die geliebte Heimat…
Genug ertragen hat das russische Volk,
Und hat es für diese Eisenbahn auch ertragen —
Wird alles ertragen, das der Herr schickt!

Wird alles ertragen — und seine große, helle
Brust bricht sich Bahn.
Nur leider — in jener schönen Zeit leben
Werde ich nicht mehr, nicht mehr du.

III

In diesem Augenblick gellte ohrenbetäubend die
Pfeife — verschwunden das Gedränge der Toten!
«Ich hatte, Papascha, einen seltsamen Traum, —
Sagte Wanja, — fünftausend Bauern,

Angehörige Russischer Stämme
Erschienen plötzlich — und man sagte mir:
Das sind sie — die Erbauer unserer Strecke!…»
Der General lachte!

— Kürzlich war ich in den Mauern des Vatikan,
Streifte zwei Nächte durch das Kolosseum,
Ich sah in Wien den Stephansdom,
Und… das alles erschuf das Volk?

Verzeihen Sie mein anmaßendes Lachen,
Ihre Logik ist ein bisschen wild.
Oder ist für Sie Apollo von Belvedere
Nicht mehr als ein steinerner Topf?

Hier ist Ihr Volk — diese Thermen und Bäder,
Wunder der Kunst — es hat sie alle runiniert! —
«Ich rede nicht zu Ihnen, sondern zu Wanja…»
Aber der General erhielt keinen Widerspruch:

— Ihre Slawen, Angelsachsen und Germanen
Erschaffen nichts — Meister der Zerstörung,
Barbaren! Eine Bande betrunkener Wilder!…
Aber es ist Zeit, sich wieder mit Wanjuscha zu beschäftigen;

Wissen Sie, mit dem Anblick des Todes
Das Herz eines Kindes zu betrüben, ist sündig,
Sie zeigten ihm nun besser
Die helleren Seiten… —

IV

‎«Das zeige ich gern!
Höre, mein Lieber, die schlimme Arbeit
Ist vorüber — der Deutsche legt jetzt die Gleise.
Die Toten sind beerdigt; die Kranken
In Erdhütten versteckt; das arbeitende Volk

Versammelt sich in Scharen vor dem Büro…
Fest kratzen sie sich die Nacken:
Jeder Bauarbeiter bleibt verschuldet,
Sie bezahlen in Kopeken ihre Tage ohne Arbeit!

Alles haben die Vorarbeiter ins Büchlein geschrieben —
Wer nahm ein Bad, wer lag krank:
Vielleicht bleibt etwas übrig,
Ja, hier siehst du!… Abwinken…

Im blauen Kaftan — der ehrenwerte Unternehmer,
Dick, wohlgenährt, rot wie Kupfer,
Es ist ein Fest entlang der Strecke,
Er ist gekommen, die Arbeit zu inspizieren.

Das feiernde Volk tritt respektvoll auseinander…
Der Händler wischt sich Schweiß von der Stirn,
Stemmt die Arme in die Seiten und sagt:
Gut… nicht schlecht… ihr Kerle!… ihr Kerle!…

Mit Gott, gehen wir nun heim, — ich gratuliere!
(Hüte ab — wenn ich spreche!)
Ich geben den Arbeitern ein Fass Wein aus
Und — erlasse ihre Schulden!…

Jemand schreit Hurra. Andere machen es nach,
Lauter und länger… Schaut:
Bei dem Lied rollen die Vorarbeiter das Fass…
Auch der Trägste kann nicht mehr widerstehen!

Sie spannen die Pferde aus — und ziehen
Den Händler mit Hurra über die Strecke…
Es erscheint schwer, ein fröhlicheres Bild
Zu zeichnen, General?…»

(1864)

Nikolai Nekrassow: Die Eisenbahn

Beitragsnavigation