23.09.2018 Dieser Artikel als .pdf

Liebe, Hoffnung, Tee-Lematik

Die Telematikinfrastruktur (TI) ist in der Psychotherapie noch gar nicht angekommen, da erzeugt sie schon Mehrwert. Keinen finanziellen Mehrwert, sondern emotionales Mehrgenießen in Form von Metaphern: Wenn Daten ein Rohstoff sind – sind sie das neue Öl oder das neue Grundwasser? Warum trennte Penelope, Frau des Odysseus, das Totentuch für ihren Schwiegervater Laertes, das sie am Tag gewebt hatte, in jeder Nacht wieder auf? Wer war der römische Feldherr Quintus Fabius Maximus Verrucosus, genannt »der Zögerer«? Ist gegenüber der TI Geschäftslosigkeit besser als Geschäftigkeit, Wu-Wei besser als Wau-Wau? Wäre die Telematik ein Pferd – gliche sie einem ungestümen Fohlen oder einem sterbenden Gaul? Da es gilt, sie so oder so beharrlich weiter zu reiten, können wir dann trotzdem absteigen, um dem Telematikpferd ins Maul zu schauen? Wenn die TI uns alle gleich macht – macht sie uns auch frei und brüderlich? Was ist Teesorte 1336?

Und immer wieder die Franzosen.

»Wir sind in Frankreich vor substanzloser Intelligenz beinahe geplatzt.«, schreibt Antoine de Saint-Exupéry in seinem Roman »Flug nach Arras«. Dieses Büchlein ist meine unbedingte Leseempfehlung für (berufs-)politische Bildung. Wer sich die Zeit für die 150 Seiten nicht nehmen mag, beginne es bei diesem Satz in der Mitte von Kapitel 22 und lese von da aus zu Ende. Exupéry formt seine Einsichten erst nach dem Erlebnis ganz aus, das er in Kapiteln 1 bis 22 beschreibt, seinem lebensgefährlichen Aufklärungsflug, der ihn am 23. Mai 1940 zu der von den Deutschen besetzten Stadt Arras in Nordfrankreich führte.

Ich frage mich, in wieweit der Aufklärungsflieger Exupéry dem Startup-Präsidenten Macron zugestimmt hätte, wenn dieser heute sagt: »Die Eule der Minerva bringt Weisheit, aber sie schaut immer zurück, es ist dies, was Hegel uns mit Demut sagte, als er vom Philosophen sprach. Sie schaut zurück, weil es immer so leicht und so angenehm ist, zu sehen, was wir haben, den umgrenzten Raum dessen, was wir kennen. Bleiben Sie nicht bei der Eule der Minerva stehen…«

Was aber ist die Substanz, mit der jene Intelligenz angefüllt werden muss, die nicht bei der Eule der Minerva stehen bleiben soll? Macron bleibt uns die Antwort schuldig, er lässt seine Rede mit einer Art Neuauflage der Gralslegende enden, indem er auf ein nicht näher bezeichnetes Wunder verweist und auf das Blut »in den Adern der Menschen«.

Anders als Macron riskierte Exupéry im Kampf für seine Überzeugungen tatsächlich sein Blut und sein Leben. Er schreibt: »Ich war nur ein mürrischer Verwalter. So sieht das Individuum aus. […] Meine Kultur beruht auf dem Kult des Menschen durch die Individuen hindurch. Sie hat jahrhundertelang den Menschen zu zeigen versucht, wie sie gelehrt hätte, einen Dom durch Steine hindurch zu erkennen. Sie hat diesen Menschen gepredigt, der über dem Individuum stand… Denn der Mensch meiner Kultur bestimmt sich nicht von den Individuen her.«

Etwas soll über den Individuen stehen, aber nicht eine schwer zu durchschauende Technik, nicht eine Intelligenz, die sich Selbstzweck ist. Wir sollen Menschen mit Beziehungen sein, auch beruflichen, in denen wir unsere individuellen Haltungen und Erfahrungen austauschen und abgleichen. Noch einmal Exupéry: »Es gibt keinen Durchgang, den das Meer nicht fände, wenn es drückt.«

Ebenfalls mit dem »Meer« sozialer Beziehungen beschäftigt hat sich der französische Soziologe Gabriel Tarde. Vor bald 130 Jahren schrieb er sein Werk »Die Gesetze der Nachahmung«. Tarde geht davon aus, dass die Gesellschaft durch Nachahmungsketten von Einstellungen, Moden und Lehrmeinungen zusammen gehalten wird. Treffen mehrere Nachahmungsketten aufeinander, bewirke dies eine Widerständigkeit, ein Zögern im Inneren des Individuums.

Über dieses Zögern schreibt Tarde: »Existieren heißt differieren; die Differenz ist in gewissem Sinn das Wesen der Dinge, was ihnen zugleich völlig eigen und gemeinsam ist. Dies muss der Ausgangspunkt sein, und entschieden sollte man verteidigen, dass man alles durch ihn erklärt, auch die Identität, welche bisher fälschlicherweise als Ausgangspunkt diente. Denn Identität ist nur ein Minimum und demzufolge nur eine Art, eine besonders seltene Art der Differenz, wie die Ruhe nur eine Unterart der Bewegung ist und der Kreis nur eine Sonderform der Ellipse.«

Die Gegensätze zwischen indifferenter Nachahmung und individueller Differenz im Werk Tardes hat der Soziologe Urs Stäheli für unsere heutige Zeit neu in Worte gefasst. Als Gegengewicht zur Vernetzung entwirft Stäheli eine selektive Entnetzung. Damit meint er nicht den Rückzug ins Private, sondern ein Miteinander in öffentlichen Räumen jenseits der unmittelbaren Verkettung aus Reiz, Reaktion und Nachahmung. Ebenfalls von Tarde inspiriert ist das gemeinsame Werk des Philosophen Gilles Deleuze und des Psychiaters Félix Guattari, so ihr Konzept der durch keinen Algorithmus zu entschlüsselnden »Wunschmaschine«, die sie auch »schizophrene Maschine« nennen.

Um der Gefahr einer substanzlos werdenden Intelligenz zu begegnen, möchte ich die Forderung von Klaus Grawe »Psychotherapie im Wandel: Von der Konfession zur Profession« abändern zu: »Digitalisierung in der Psychotherapie: Inhaltlich eine Profession, politisch eine Konfession«. Wenn wir Psychotherapeut*innen die Stimme, die uns sagt: »Fürchtet euch nicht« nicht schon in uns haben (Vorsicht, doppelte Verneinung), dann müssen wir sie jetzt gemeinsam neu erfinden. Nicht jede(r) von uns kann und soll die Digitalisierung aktiv mitgestalten, aber seien wir informiert und kommunikativ. Seinen wir keine mürrischen Verwalter.

Ich finde, für die Digitalisierung unseres Berufs brauchen wir häufig verkopft daher kommende Psychothera­peutenschaft eine Schutzheilige. Als Namen schlage ich »Sankt Tarde« vor: »Sankt« in Anlehnung an Saint-Exupéry und »Tarde« nach Gabriel Tarde. Im Französischen ist »tarde« die erste und dritte Person Singular von »auf sich warten lassen«: ich säume, sie oder er zaudert… Andererseits: »Il me tarde« bedeutet »Ich kann es kaum erwarten«. Der Begriff lässt Freiheiten.

Ich stelle mir vor, dass die heilige Tarde auf ihrem Pferd unbestimmten Alters daher getrabt kommt, in der einen Hand hält sie eine Kanne mit frisch gebrühtem Tee, in der anderen die Lematikinfra­struktur. Was die Lematikinfrastruktur ist, können wir heute noch nicht wissen. Deshalb brauchen wir das Wunder und den Trost unserer Tee zubereitenden Schutzheiligen. Sie erinnert uns daran, dass der Mensch das gemeinsame Maß aller Wissensgebiete und Völker bedeutet, so wie der Tee das gemeinsame Maß aller Oxidationsstufen und Sorten ist. Jetzt erkenne ich die Tee-Lematik schluckweise; dann aber werde ich sie erkennen, gleichwie ich von ihr erkannt bin.

Woher ich weiß, dass Sankt Tarde eine weibliche Heilige ist? »Die heilige Tarde« ergibt als Anagramm »Digitale Idee her«!

 

Titelbild: Tee-Nität 😀  Quelle:  Wikimedia Commons.

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