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Jammerossi

Und doch, wie einen Freund, vermisse ich dich:
du erkanntest dich nicht und keiner konnte’s dir sagen.
Dir nachträglich zu helfen geht nun mal nicht.
Mach’s gut und… nein, ich will nichts beklagen.

Das ist die letzte Strophe eines Gedichts, das ich Anfang der 2000-er Jahre im Rückblick auf meine Kindheit schrieb. In einigen Medien macht dieser Tage einmal mehr der Begriff Jammerossi die Runde. Dabei fiel mir wieder ein, dass ich, bevor ich anfing, regelmäßig Tagebuch zu schreiben, Gedichte geschrieben hatte. Halb hatte ich das schon vergessen.

Zuletzt zu hören war das Wort Jammerossi in einem Meinungsbeitrag auf Deutschlandfunk Kultur. Ein ungelenker Kommentar, der »breitbeinig« und mit starken Worten daherkommt und am Ende der Länge nach hinfällt. Jammerossi sei ein »Stempel«. Eben. Ich meine: Nicht schlimm. Mit Salz und Zitronensaft geht das weg.

Anlass der erneuten Kontroverse ist die Forderung, 30 Jahre nach der Wende mittels einer Ost-Quote mehr Gerechtigkeit in Führungspositionen herzustellen. Mehr als die Ost-Quote liegt mir die Demokratisierung Europas am Herzen. Aber das mag daher kommen, dass ich ein Mann bin und Quoten sind doch was für Frauen? Es liegt vielleicht auch daran, dass ich selbstständig in meiner verhaltenstherapeutischen Praxis arbeite. Wenn mich im Osten lebende Westdeutsche für eine Psychotherapie aufsuchen, dann nie, um mir abschätzige Ratschläge zu erteilen. Eher um manchmal selbst zu jammern. Mich tief verletzende Erfahrungen mit aus Westdeutschland stammenden Vorgesetzten habe ich nie gemacht. Im Gegenteil habe ich hin und wieder Gelegenheit, auch eine mittlere Führungskraft zu therapieren. Manchmal jammern wir Psychotherapeut*innen über das Politikverständnis von Jens Spahn. Aber das ist kein ausschließlich ostdeutsches Phänomen.

So hätte ich ohne das Gedicht nicht weiter über den Jammerossi nachgedacht. Jetzt frage ich mich, was ich da zu beklagen versuche, hinter meiner Schutzbehauptung, nichts beklagen zu wollen. Ist das nur ein unkritisch übernommenes Echo vorheriger Generationen? Gründe, biografische Brüche als schmerzlich – oder unerträglich schmerzlich – zu empfinden, gab es schon immer: in und nach den Weltkriegen mehr noch als in und nach der DDR. Verleiht stellvertretendes Klagen stellvertretend Wichtigkeit?

Ich fühle mich als Ostdeutscher und als Europäer – ohne Zwischenkategorie. Ich kenne viele sympathische, intelligente Menschen in Westdeutschland, in Frankreich, in Polen und in Tschechien. Ich weiß nicht, weshalb ich unter ihnen eine Gruppe mehr wertschätzen sollte als die anderen. Geographisch bin ich als Sachse vielleicht auch ein bisschen Franke, ein wenig Tscheche und mit meinen Großeltern mütterlicherseits aus Pommern bestimmt auch irgendwie Pole.

Am vertrautesten und unbeschwertesten erweist sich für mich aber die Kommunikation mit anderen Ostdeutschen. Nur für sie hat der Satz »Bleiben Sie schön neugierig!« einen Wiedererkennungs­wert, nur sie kennen das Krokodil Gena. Nur sie bringt das Wort »достопримечательности« zum Lachen und fördert Anekdoten über den Russischunterricht zutage. Das Wort »Treuhand« macht nur sie wütend. Ich kann es nicht abschließend erklären, aber es entsteht »ein Zusammenhangsgefühl, das es so zu DDR-Zeiten gar nicht gab

Kathrin Gerlof schlägt vor, das Phänomen Jammerossi auf die männliche Bevölkerungshälfte einzugrenzen. Sie schreibt: »Die Jammerossi klingt nicht nur, sondern ist falsch.« Häufig sind es ostdeutsche Frauen wie Jana Hensel und Valerie Schönian, die eben nicht jammern, sondern differenziert über charakteristisch ostdeutsche Erfahrungen sprechen.

Ich als Mann, noch dazu als ein ziemlich introvertierter, denke bei ostdeutscher Identität zuerst an ostdeutsche Landschaften. Nirgends kommt das säkularisierte Ostdeutschland dem Ewigen näher als in seinen Landschaften. Ich denke an die Seenlandschaften, die von den verschiedenen Eiszeiten zurückgelassen wurden und an die Seenlandschaften, zu denen stillgelegte Braunkohletagebaue nach der Wende umgestaltet wurden. Ich denke an das Erzgebirge, in dem kein Erz mehr gefördert wird. Ich denke an Weimar, wo Goethe, Herder, Schiller und Wieland nicht mehr leben. Über einen der ostdeutschen Seen schrieb Theodor Fontane einen Roman, der mit dem Satz endet: »es ist nicht nötig, dass die Stechline weiterleben, aber es lebe der Stechlin.« Ein abstrakter, melancholischer Satz, der eben diese Kombination als Grundlage einer Identität anbietet.

»Es ist nicht nötig, dass wir gläubige Christen sind, aber es lebe der christliche Glaube«, scheinen Ostdeutsche Wähler*innen zu denken, wenn sie politische Macht nach wie vor häufig der CDU anvertrauen. Würden wir Ostdeutschen uns eine unsere Bedürfnisse besser wertschätzende Partei wünschen, hätten wir sie dann nicht längst gegründet? Liegt eines der Erfolgsgeheimnisse der CDU darin, dass sie auch schon zur Zeit der Deutschen Wiedervereinigung ihre Entscheidungen den Wähler*innen nicht mit allen absehbaren Vor- und Nachteilen erklären konnte oder erklären wollte?

»Einbildungen ohne Eigentümer« nennt der österreichische Philosoph Robert Pfaller in seiner Theorie der »Interpassivität« Aktivitäten, von denen wir hoffen, dass andere sie für uns tun. Beispielsweise: glauben. Oder: mit Weitblick handeln. Oder: als gesamtdeutsche Volkspartei vorrangig im Sinn der ostdeutschen Minderheit regieren.

Hand aufs Herz: wer von uns Ostdeutschen hat noch »Einbildungen«, als deren »Eigentümer« wir uns ungern zu erkennen geben? Wie wäre es mit: »Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!« Oder mit:

Lasst uns pflügen, lasst uns bauen,
lernt und schafft wie nie zuvor,
und der eignen Kraft vertrauend,
steigt ein frei Geschlecht empor.

Johannes R. Becher schrieb den Text vor 70 Jahren unter dem Titel »Deutsche Nationalhymne«. Ich kann nur zu dieser Hymne heulen.

Wenn es gegen Pessimismus hilft, eine Gruppe, ein Land, eine Partei, einen eiszeitlichen See als »gut« wahrzunehmen, warum wertschätzen wir Ostdeutschen dann nicht einander wieder mehr als »gut« oder immerhin als »gut genug«? Innerhalb und außerhalb der Quote. Selbstwert ist immer ein Konstrukt, also »lasst uns bauen«.

Schlecht war in der DDR unter anderem, dass wir über zu Vieles schweigen mussten. Jetzt darf alles gesagt werden, aber es hört nicht mehr immer jemand zu. Das soll uns nicht vom Sprechen abhalten. Wenn wir uns auf unsere Interpassivität besinnen, dürfen wir glauben, dass wenigstens das Internet unsere Worte für uns speichert und dass wenigstens der eine oder andere Geheimdienst sie an unserer Stelle liest.

Das vielleicht Beste an der DDR war der bis zuletzt in ihr verbreitete Glaube an die Möglichkeit einer gerechteren Gesellschaft. Gerecht finde ich zum Beispiel, wenn jammern darf, wer will. Auch Westdeutsche und Migranten. Fangen wir Ostdeutschen also noch einmal von vorn an! Diesmal nicht damit, Ruinen wegzuräumen oder einmal in der Woche zu demonstrieren, sondern damit, einander besser zuzuhören.

Obwohl ich, wie gesagt, ziemlich introvertiert bin, beklage ich, in den Jahren direkt nach der Wende zu oft geschwiegen zu haben: zu wenige politische Diskussionen mit Freunden, kein Blog, nicht mal ein Tagebuch habe ich damals geführt. Aber wir Ostdeutschen brauchen eigene Strukturen – private und öffentliche. Wie diejenigen sie schon haben, die in eine Kirche oder zu einer Partei oder auf ein Führungskräftetraining gehen. Wir brauchen einen »Aufbruch Ost«, benötigen einen »Bund der Ostdeutschen«, deren organisatorischer Rahmen uns die Zerrissenheit wieder spüren lässt, der Volker Braun in seinem Buch »Iphigenie in Freiheit« ein vorläufiges Denkmal setzte:

Könnt ich vergessen, wo ich war und bin.
Ich trug sie froh im Busen, meine Wahrheit
Meinen Besitz auf dieser warmen Bühne
Die Lösung nur für mich und nicht für alle.

Das Sich-Schämen gehört zu unseren ostdeutschen Wahrheiten: beispielsweise die Scham, gefangen zu sein zwischen der Unmöglichkeit einer Lösung nur für uns und jener Lösung für alle, die auch der Sozialismus nicht war. Auf die Frage nach unserer kollektiven Identität werden wir Ostdeutschen auf absehbare Zeit keine logisch schlüssigen Antworten geben können. Das ist beschämend. Scham ist immer die Doppelbindung an zweierlei Logik: an die Logik des Betrachters, vor dessen Blick ich mich schäme und an meine eigene Logik, die ich noch nicht in Worte zu fassen vermag.

Mit Jammern und mit Scham ist es so ähnlich wie mit dem Atheismus. Vielleicht sind sie ein großer Fehler. Oder sie sind eines der großen Abenteuer in der Geschichte der Menschheit. So legitim es für den Betrachter ist, mit dem Begriff Jammerossi Konflikte sichtbar zu machen, so legitim ist es, als derart Betrachteter darauf mit einem »gut so« zu antworten. Jammerossi, aber als Geusenwort.

Mehr noch: der Soziologe Wolfgang Engler hat u.a. ein Buch mit dem Titel »Die Ostdeutschen als Avantgarde« geschrieben. In seinen Worten finde ich meine Erfahrung mit dem »gut so« wieder:

Für mich eröffnete sich erst durch diesen Zugang die Möglichkeit, über die Ostdeutschen nach 1989 schreiben zu können, und so unsicher ich meiner Sache zu Anfang war, so erstaunt war ich, als die Wirklichkeit, derart zur Rede gestellt, zu antworten begann.

Beim Schreiben beobachte ich, wie meine Worte zunehmend ernster werden, wie ich distanzierende Witze wieder aus diesem Text lösche, wie ich bemerke: So fühlt Identität sich an. Identität beginnt da, wo Satire und Selbstironie enden. Tanze als würde dich niemand sehen.

»Warum Ostdeutsche ihr Scheitern nicht psychologisieren, sondern unbeirrt in soziale Begriffe fassen«, lautet eine der Kapitelüberschriften in »Die Ostdeutschen als Avantgarde«. Diese Beobachtung möchte ich um die Frage ergänzen, die 1984 der US-amerikanische Psychoanalytiker Arnold H. Modell zum Titel eines Aufsatzes machte: »Gibt es die Metapsychologie noch?« Bis heute lebendig geblieben ist die Metapsychologie in der französischen Psychoanalyse. Ihre Anwendung auf die Mentalität von uns Ostdeutschen steht noch aus. Modell schrieb damals:

Auch der Erwachsene hat ein Bedürfnis danach, dass seine Umgebung zu ihm »passt«, und dieses Bedürfnis deutet nicht notwendigerweise auf die Persistenz infantiler Wünsche hin. Das heißt, dass das Ich und seine Beziehung zur menschlichen Umwelt kein geschlossenes System bilden.

Die Möglichkeit der Konkurrenz zwischen verschiedenen Logiken, zwischen verschiedenen Ordnungsstrukturen als Identität stiftender Prozess kehrt verstärkt in die Diskussion über Ostdeutschland zurück. Literatur und Theater sind weitere, möglicherweise Identität stiftende Strukturen, die wir Ostdeutschen noch zu wenig nutzen. Die Dissertation von Skadi Jennicke, Bürgermeisterin für Kultur der Stadt Leipzig, schließt mit den Worten:

Es kommt so ganz wesentlich auf die Perspektive des Betrachters an, ob das ostdeutsche Theater als ästhetische Spielart eines gesamtdeutsch oder europäisch verstandenen Theaters betrachtet wird, oder aber ob die ästhetische Praxis des Sozialen als ein künstlerisches Konzept erscheint, das in vitalisierender Konkurrenz zur herkömmlichen Ausrichtung west­europäischer Kunst steht und somit, ganz im Sinne des überwundenen Systemgegensatzes, Grenzen sichtbar macht und Identität produziert.

 

Titelbild:  Völkerschlachtdenkmal Leipzig (Detail)   Bildquelle:  Wikimedia Commons.

Jammerossi

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