Napoleonstein, Dresden

04.07.2019 Dieser Artikel als .pdf

Europa, auf Umwegen

Ken und Lo, sie sind ein Paar,
und das nicht seit gestern,
schon seit Tag und Jahr.

Nicht wie zwei Hälften,
wie zwei geschlossene Augen eher,
in ein und demselben ruhigen Gesicht.
Veränderung, Geteiltheit
sahen sie nie und kennen sie nicht.

Sie wissen nicht, woher sie kamen,
standen wohl schon immer Hand in Hand.
Sie tragen ihre Gewohnheit, ihre Namen
wie die Nacht ihr schwarzes Band.

Jenseits des Wechsels,
jenseits des Schmerzes,
jenseits des Glücks
ist nichts zu beschreiben, nichts zu fragen.
Denn Worte passen nicht aufs Ganze,
immer nur aufs Stück.

Nichts zu verändern, nichts zu lästern,
alles wunderbar.

Denn Ken und Lo, sie sind ein Paar,
und das nicht seit gestern,
schon seit Tag und Jahr.
 

Dieses Gedicht verdankt seine Existenz der Forschungsförderung unter dem Fünften Rahmenpro­gramm der Europäischen Kommission. Genauer, dem Projekt »EUNOMIA – Europäische Bewer­tung von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie und Harmonisierung bester klinischer Praxis«. Noch genauer, der hebräischen Version der da verwendeten Fragebögen. Auf Hebräisch bedeutet כן (ken) ja und לא (lo) nein.

Seitdem lag das Gedicht auf meiner Festplatte, als habe es nichts zu beschreiben, nichts zu fragen. Bis ich eine psychoanalytische Besprechung von Madonnas Video »Die Another Day« las. Darin geht es um Identität, um Verschiebung und schließlich um den Gegensatz zwischen לאו (hebräische Umschreibung: love) und לא (nein). Auch hier lassen sich viele Bedeutungen hineinlegen. Die Kernaussage des Videos jedoch ist dem Text »Jenseits des Lustprinzips« von Sigmund Freud entnommen:

»Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende Substanz immer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, dass sie die noch überlebende Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom ursprünglichen Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur Erreichung des Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben getreulich festgehalten, böten uns heute das Bild der Lebenserscheinungen«.

In seinen »Briefen an einen deutschen Freund« schildert Albert Camus die Umwege Frankreichs von seiner schnellen Niederlage gegen Deutschland zu seinem endgültigen Sieg: »Es ist der Umweg, der die Gerechtigkeit bewahrte und die Wahrheit denen schenkte, die sich Gedanken machten.« Camus erklärt seinem ehemaligen Freund, weshalb »Gewissheit des Herzens nicht gleichbedeutend ist mit Fröhlichkeit des Herzens.« Denn, so schreibt er: »Man wird nicht durch jede Liebe gerechtfertigt, das ist euer Verderben.«

Lässt sich eine Erkenntnis gewinnen, wenn ich den Bogen spanne von meinem Pseudoliebes­gedicht, das mich von Forschungsfragebögen ablenkte, über das Schweigen der Franzosen während der deutschen Besatzung bis zu der wieder einmal ungewissen Zukunft der europäischen Idee? In allen Fällen ist es die oberflächliche, vorschnelle, einseitige Fröhlichkeit, die trügt.

Und, liebe Brüder und Schwestern in Westdeutschland, auf einfache, fröhliche und vielleicht vor­schnelle Art haben wir Ostdeutschen uns gefreut: Erst habt ihr uns Pakete mit Kaffee und Schokolade geschickt, dann Begrüßungsgeld gezahlt und dann neue Straßen gebaut, die breiter sind als eure eigenen. Danke, nochmal. Manchmal haben wir euch dafür geliebt, manchmal haben wir uns für unser Hereinfallen auf die hedonistische Tretmühle gehasst, oft beides zugleich. Wir wollten immer schon weiter reisen und weiter denken als bis nach Flens-, Frei- und Lüneburg. »Wo die Palmen sich verneigen…« Häufige Vornamen in der letzten in der DDR geborenen Generation sind Monique und Ronny. Fetischismus ist ein eurozentrisches Konzept. Schön, aber es muss nicht immer der Warenfetisch sein. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem Nachhaltigkeitsfetisch?

»Während dieser ganzen Zeit, da wir hartnäckig und schweigend nur unserem Land dienten, haben wir eine Idee und eine Hoffnung nie aus den Augen verloren, sie stets in uns lebendig erhalten: Europa. Allerdings haben wir seit fünf Jahren nicht mehr davon gesprochen. Und zwar weil ihr zu viel Geschrei darum machtet. Auch hier sprachen wir nicht die gleiche Sprache; unser Europa ist nicht das eure.«

Albert Camus schrieb das im April 1944. Vielleicht habe ich als Deutscher nicht das Recht, Camus in eigener Sache zu zitieren. Aber ich zweifle nicht an meiner Pflicht, die »Briefe an einen deutschen Freund« in Abständen immer wieder zu lesen.

Bei der Europawahl empfand ich es als eine Erleichterung, mit DiEM25 europäisch wählen zu können, ohne eine der deutschen Traditionsparteien wählen zu müssen. Es wird immer wahrscheinlicher, dass der europäische Geist sich nicht wegen, sondern trotz Berlin und Brüssel durchsetzen wird. Auf diesem Weg fände Sachsen sich möglicherweise an der Seite Frankreichs wieder, nicht zum ersten Mal. Eine Annäherung an die sächsischen Sonderwege in der Geschichte Europas gibt dieser Artikel. Kann die Zukunft eine nachträgliche Rechtfertigung für einige der Umwege der sächsischen Geschichte bringen?

Für jene, die sich über den hartnäckigen Opfermythos der Dresdner über die Zerstörung ihrer Stadt im Februar 1945 wundern: Im Stillen wissen wir, dass Preußen die Hauptschuld trägt. Und heute wie damals werden wir von Berlin aus regiert. Auf dem Dresdner Stadtplan suche man die Berliner Straße und die Coventrystraße. Das sind hier die Relationen. Für Liebhaber von »Jenseits des Lustprinzips«: Das ist hier der Wiederholungszwang. In Sachsen kann »britisch« ein Platzhalter für »preußisch« sein, »rechts« ein Platzhalter für »links«, »ja« ein Platzhalter für »nein«. Das Insistieren auf dem Topos geht den Worten voraus, so wie die Angst der Sprache vorausgeht. Mehr als 100 Jahre nach dem Tod des sächsischen Gerichtspräsidenten und Machtkritikers Daniel Paul Schreber werden die Umwege seiner Psyche noch immer analysiert.

Offensichtlich hat Ostdeutschland ein Problem mit Nationalismus, genauer: mit Nationalismen. Westdeutschland hat ein eigenes Nationalismusproblem und merkt es nicht. Es insistiert, Europa zu sagen, wenn es von sich spricht.

Noch einmal Camus: »Für euch ist Europa jener von Meeren und Bergen umgürtete, von Stauwehren durchzogene, von Bergwerken unterhöhlte, von Ernten strotzende Raum, in dem Deutschland eine Partie spielt, deren einziger Einsatz sein eigenes Schicksal ist. Für uns jedoch ist Europa jener Boden, auf dem sich seit zwanzig Jahrhunderten das erstaunlichste Abenteuer des menschlichen Geistes abspielt. Es ist jene einzigartige Arena, in der der Kampf des abend­ländischen Menschen gegen die Welt, gegen die Götter, gegen sich selber heute den Höhepunkt seines wilden Wogens erreicht. Sie sehen, die beiden Auffassungen lassen sich nicht miteinander vergleichen.«

Am Ende von »Jenseits des Lustprinzips« zitiert Freud den Dichter Friedrich Rückert: »Was man nicht erfliegen kann, muss man erhinken«. Es ist ein europäischer Gedanke.

 

Titelbild:  Napoleonstein auf dem Schloßplatz in Dresden
Bildquelle:  Wikimedia Commons

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