12.07.2018 Dieser Artikel als .pdf

Digitalisierung, Psychotherapie, Melancholie

»So ein dickes Buch über Narzissmus.«

Eine Patientin beim Anblick meines Bücherregals.

Über seinen praktischen Nutzen hinaus ist das Buch: »Narzissmus: Grundlagen – Störungsbilder – Therapie« für mich ein Objekt mit einer Bedeutung. Es kommt mir vor wie ein unheimlicher Doppelgänger der Psychotherapie. Und das nicht allein deshalb, weil sein Abschlusskapitel sich mit dem narzisstischen Doppelgängerprozess beschäftigt. Das Empathiedefizit der Gesund­heitspolitik in Deutschland tritt uns Psychotherapeut*innen mit zunehmender Aggressivität gegenüber. Als sei Psychotherapie selbst ein Symptom, das es durch geeignete politische Maßnahmen zu reduzieren gilt.

Psychotherapeutische Sprechstunden wecken unrealistische Hoffnungen auf einen Behandlungsplatz und reduzieren die für Psychotherapien zur Verfügung stehende Behandlungszeit. Diese wiederum wurde für Kurzzeittherapie von 25 auf 24 Sitzungen in der neuen Psychotherapierichtlinie gekürzt. Die Gutachter der Krankenkassen kürzen immer häufiger die für Kontingente für Langzeittherapie. Krankenkassen lehnen vermehrt Anträge auf Kostenerstattung ab. Die digitale Vernetzung der Praxen durch die Telematikinfrastruktur ist geeignet, das Vertrauen von Patienten in die berufliche Schweigepflicht zu stören. Diese jedoch ist eine Grundlage jeder wirksamen Psychotherapie. Den Psychotherapeut*innen in Ausbildung, die sich noch auf dem Weg zu alldem befinden, fordert die prekäre Ausbildungssituation eine hohe Leidensfähigkeit ab. Obwohl sie bereits eine Hochschul­ausbildung abgeschlossen haben und dieselbe Behandlungsverantwortung tragen wie approbierte Psychotherapeut*innen, erhalten sie häufig nicht mehr als ein Praktikumsgehalt.

Oder beschweren wir Psychotherapeut*innen uns auf zu hohem Niveau? Wer kann schon den Mangel an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen, das daraus entstehende unnötige persönliche Leid und die der Gesellschaft entgangene Arbeitskraft und Kreativität objektiv ins Verhältnis setzen zu anderen Problemen wie Staatsverschuldung, Umweltzerstörung, Migration und Pflegenotstand?

Folgerichtig vom einen wie vom anderen Standpunkt, beschäftigen sich 70 Seiten der über 700 Seiten des Narzissmus-Buchs mit Gesellschaft und Politik: Kapitel 1.7 »Pathologischer Narzissmus und Machtmissbrauch in der Politik«, Kapitel 1.8 »Narzissmus als klinisches und gesellschaftliches Phänomen« und Kapitel 1.9 »Großgruppen und ihre politischen Führer mit narzisstischer Persönlich­keitsorganisation«. Auf die vielen guten Analysen darin und auf die wenigen konkret benannten Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme will ich hier nicht eingehen. Denn geht es nicht immer häufiger nur um das Symbol?

Digitalisierung, Klassenkampf, Revolution

In der Hoffnung, klarere Ideen über Handlungsmöglichkeiten im Spannungsfeld zwischen Psycho­therapie, Politik und Digitalisierung zu finden, habe ich auf die Internetseiten der Partei »Die Linke« geschaut, die u.a. in kleinen Anfragen an die Bundesregierung seit Jahren Zweck und Umsetzung der Digitalisierung im Gesundheitswesen kritisch hinterfragt. In der Analyse »Digitalisierung, Klassen­kampf, Revolution« von Stephan Kaufmann wurde ich fündig. Kaufmann schlägt vor, es »muss die Organisation der Selbstständigen gefördert werden«. Das passiert gerade auf den Veranstaltungen unserer Berufsverbände und Kammern, in Qualitätszirkeln, Newslettern und sozialen Netzwerken.

Schwieriger wird es bei der Forderung, »Teile der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum zu überführen«. Wenn ich »Gesellschaft« mit »unsere Kammern und Berufsverbände« übersetze, dann wäre zu überlegen, ob sie die Digitalisierung in den für uns nützlichen Bereichen aktiv vorantreiben können, ohne auf die mehr oder minder tauglichen Ideen des Gesetzgebers und der Industrie zu warten. So ähnlich vielleicht, wie die Bundesrechts­anwalts­kammer mit dem besonderen elektroni­schen Anwaltspostfach, nur eigenverantwortlicher und kompetenter. Dabei muss der hippokratische Eid »vor allem nicht schaden« in das digitale Zeitalter fortgeschrieben werden, wie wie Steven Hill es in seinem Artikel »You’re fired!« (nur auf Englisch frei verfügbar) vorschlägt.

In Kaufmanns Text gefällt mir außerdem die Analyse der vermeintlich »subjektlosen Sachzwänge«, mit denen versucht wird, die Notwendigkeit der Digitalisierung zu begründen. Als Sachzwänge umschrieben, werden private Gewinninteressen häufig als nicht verhandelbar hingestellt. Noch hat niemand die Digitalisierung im Ernst als »schicksalhaft« bezeichnet und hoffentlich sind die Zeiten vorbei, in denen deutsche Politik von »Vorsehung« sprach. Andernfalls wäre es auch unsere Aufgabe als Psychotherapeut*innen, das Wissen um narzisstische Doppelgängerprozesse mittels Öffentlich­keitsarbeit »in gesellschaftliches Eigentum zu überführen«.

Hingegen kritisiere ich die Begriffe »Klasse« und »Revolution«. Selbstverständlich kann man Menschen in Klassen einteilen: in Reiche und Arme, Große und Kleine, Religiöse und Atheisten, Ängstliche und Narzissten. Je gröber die Kategorien, umso näher liegt die Gefahr der Übergenerali­sierung. So ist meine Erfahrung aus Psychotherapien, dass sich Kinder in der DDR durch Lehrer oder Mitschüler abgewertet und ausgegrenzt fühlten, wenn ihre Eltern nicht Angehörige der Arbeiterklasse waren, sondern z.B. Intellektuelle oder Angehörige der Kirche. Daher könnte die Gesellschaft sich anstelle des Begriffs der »Klassen« besser mit den Bedeutungen von Individualität und, daran anschließend, Würde beschäftigen.

Das letzte Mal über »Revolution« gelesen haben ich in »Grundformen der Angst« des Psychoanaly­tikers Fritz Riemann. Er nimmt eine Metapher auf, die Sigmund Freud 1930 in »Das Unbehagen in der Kultur« verwendete: »Wie der Planet noch um seinen Zentralkörper kreist, außer dass er um die eigene Achse rotiert, so nimmt auch der einzelne Mensch am Entwicklungsgang der Menschheit teil, während er seinen eigenen Lebensweg geht.«

Riemann entwickelt anhand dieses Bildes vier grundlegende Persönlichkeitsprofile, zwischen denen »Revolution« als ein kontinuierlicher Wechsel einander ergänzender und ablösender Überzeugungen, Temperamente, Motive und Verhaltensweisen erscheint, als ein »Gleich­gewicht […], das nie Stillstand oder statische Ruhe bedeutet, aber auch nie zum Chaos entartet«. Im Gegensatz dazu sah Marx Revolution als die »ruckartige Nachholung verhinderter Entwicklung«. Uns Psychotherapeut*innen erweist sich die Hoffnung auf allzu rasche oder sogar plötzliche Veränderung nicht selten als Überkompensation oder manische Abwehr, je nach theoretischem Vokabular.

Marx nannte das Kapital ein »automatisches Subjekt«, das sich selbst verwertet, bezeichnete es auch als »das übergreifende Subjekt«. Indirekt erkannte er damit an, dass nicht nur Menschen Subjekte sein können. Auf ähnliche Art weist die Philosophie der Objektorientierten Ontologie den Anthropozentrismus zurück und vertritt statt dessen die Interpretation, dass Objekte auch außerhalb der menschlichen Wahrnehmung existieren und nicht ausschließlich durch Sprache sozial konstruiert sind. Andernfalls wäre beispielsweise die globale Erwärmung nur als das Produkt wissenschaftlicher Studien oder persönlicher Meinungen zu erklären.

Melancholieobjekte

Der Text »Melancholy Objects« von Timothy Morton beschäftigt sich mit der Objektorientierten Ontologie und mit der aus ihr folgenden Verlangsamung der Bewegungen des Subjekts. Dieser Text liegt sowohl in einem (leider sehr schnell und monoton gesprochenen) Vortrag vor, als auch in einem Buchkapitel. Morton beschreibt den Gegensatz zwischen der Einsicht »Existenz ist Koexistenz« und der Erfahrung, dass »wir nie ein Ding in unsere Hände bekommen können, nur deren Anschein«. Als Beispiel für das Entzogensein des Wesens aus der Koexistenz mehrerer Wörter nennt er den Satz: »Dies ist kein Satz.« Ich denke dabei auch an eine Maschine, die ähnlich Frankensteins Monster darauf programmiert ist zu sagen: »Ich bin ein Subjekt.« Der Gedanke einer Gleichwertigkeit zwischen für Menschen verstehbaren Objekten und Objekten außerhalb menschlicher Wahrnehmung behauptet »nicht so sehr ein animisti­sches Universum, als ein re-animistisches«.

Ein Objekt, dessen Wesen uns unzugänglich ist, kann nicht nur eine Folge von Lauten sein, sondern auch eine Naturkatastrophe, ein Unfall, ein Krankheitserreger oder eine Gesellschaftsform. Lebendigkeit oder Verstehbarkeit durch etwas Lebendiges wird nicht mehr als eine notwendige Voraussetzung für Wichtigkeit betrachtet. Morton nennt Objekte, die unzugänglich für die Gedanken, Gefühle oder Handlungen einzelner Menschen sind, »Melancholieobjekte« oder »Hyperobjekte«. »Trauer ist der Zusammenbruch eines Objekts in seinen Anschein. […] Anschein ist eine Fotografie der Vergangenheit. Anschein ist Form.«, schreibt Morton. Der Blick in die vertraute Vergangenheit erzeugt den Wunsch nach Verlangsamung der Zeit oder nach ihrer Umkehr. Melancholie möchte Kontrolle über den Ablauf der Zeit erlangen, indem sie Zeit zu einem ästhetischen, nichtlinearen Phänomen macht, so wie das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte und das Kino es tun.

In dem Versuch, die logischen Widersprüche menschlicher Vernunft noch lösen zu können, überwiegt in der Melancholie das in sich selbst zurückgekoppelte Denken Georg Cantors gegenüber dem Vertrauen auf die anthropozentrische Vernunft Immanuel Kants. Indem wir unsere bisherige Logik, unsere bisherige Überlebensregel »so schwach wie möglich« werden lassen, führt uns Melancholie zur Eröffnung aller Möglichkeiten zwischen Ende und Neubeginn. Wieder Morton: »[…] unsere Mitochondrien, die Energie produzierenden Organellen in jeder Zelle, haben ihre eigene DNS, da sie die Nachkommen anaerober Bakterien sind, die sich vor der durch sie produzierten Umweltkata­strophe verstecken, jener namens Sauerstoff

Katastrophen sind Hyperobjekte und zeigen, ähnlich Narzisst*innen, einen Mangel an Empathie. Beide rufen so in ihrem Gegenüber die Angst hervor, mangelhaft, unzulänglich und ersetzbar zu sein. Die einen wie die anderen sind nicht durch Worte zu beeinflussen und fügen Menschen Schaden zu, während sie selbst keinen Leidensdruck zu erkennen geben. Eine Narzisst*in wehrt sich dagegen, verstanden zu werden, ein Hyperobjekt ist schwer zu verstehen. Wir alle kennen die Angst (nicht nur) mancher Patient*innen vor einer unerkannten Krebserkrankung oder vor einer unvorhersehbaren Atomkatastrophe.

Aus dem Narzissmus-Buch zitiert: »Es ist ein Allgemeinplatz, dass wir in einem Zeitalter des Narzissmus leben.« Weniger bekannt ist, dass auch von einem Zeitalter der Hyperobjekte gesprochen werden kann. Denn nicht jede(r) würde die Globalisierung, den Brexit, die Atomenergie oder die neue Psychotherapierichtlinie als »Narzissten« bezeichnen wollen, selbst wenn diese sich ebenso ambivalent zwischen Vorstellungen von Ende und Neubeginn bewegen, wie Narzisst*innen es tun.

Wegen der unüberschaubaren Koexistenz aller Objekte ist der »Sachzwang« der Melancholie keine Einengung, er ist die unkontrollierbare Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten. So gehört zu den ewig unerreichbaren Melancholieobjekten auf der Seite der Maschinen die Entscheidbarkeit des Halte­problems und auf der Seite der Menschen die Entscheidung über Wahrheit oder Unwahrheit von Metaphern wie dieser:

Sophokles

Du siehst bei Sturzbächen,
wie jeder Baum, der nachgibt, seine Zweige rettet,
doch was sich entgegenstemmt,
mit der Wurzel ausgerissen wird.

 
Heinrich von Kleist

Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,
doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,
weil er in ihre Krone greifen kann.
tl;dr Durch die Möglichkeit, digitale Informationen unbegrenzt zu vervielfältigen, wird unsere Gesellschaft zunehmend von den Grenzen menschlicher Informations­verarbeitung bestimmt, weniger von den Grenzen materieller Ressourcen. Die Grenze der eigenen Informationsverar­beitung ist unvorstell­bar, weshalb wir sie als Hyperobjekt oder Melancholieobjekt bezeichnen können. Melancholie ist die menschliche Reaktion auf einen logischen Widerspruch, auf eine Aporie, welche die eigene Existenz betrifft.
Digitalisierung, Psychotherapie, Melancholie

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