07.09.2018
gelesen auf Tschechisch von ASMRCZ:

Jan Neruda — Die Ballade vom Schwarzen See
Das Wasser so tief, der See todtraurig und alt!
Stille ringsum, wie stumme Myrte, dunkel der Wald,
im Kranz braunen Mooses, um schlafendes Ufer gelegt,
steht selten nur eine Blume, blass wie Wachs, unbewegt.
Es gibt kein Summen von Bienen, keinen Vogel, der singt,
eines grauen Raubvogels Schrei tönt hoch und leer,
der als trauriges Echo zurück vom Berge her dringt,
als wenn er ein fernes, plötzliches Weinen wär.

Mein Blick in das schwarze Wasser, von Träumen durchwirkt —
senkt sich in die unendliche Tiefe, die etwas verbirgt!
Vielleicht liegt da ein tschechisches Märchen verbannt.
Vielleicht wohnen die alten Götter unter gläserner Wand.
Vielleicht ruhen unsere berühmten tschechischen Helden dort —
ihr gottgesegneten Helden, so wunderbar treu,
die tschechischen Länder haben vergessen euren Ort
und jede Generation, sie vergisst ihn neu!

Doch würden sie weinen, für dieses Land voller Leiden,
der Schwarze See würde zum Schwarzen Meere sich weiten,
entstiege ein Seufzer ihrer lebendigen Brust unter Träumen,
ließe sicher das Seufzen den See überschäumen!
Ach, ihr Schlaf unter Wasser, er ist ohne Ruh
und vom Seufzen jener drunten, ohne Trost,
laufen sterbende Seufzer, ab und zu,
über das Wasser droben wie leiser Frost.

Vielleicht liegt im Seedunkel die Unterwelt, unser aller harrend.
Einmal sah ich, zum Sommerhalbmond in die Berge starrend,
tief zwischen Felsen, von bewaldeten Hängen
seltsame Formen, wie eine Nachhut, hinunter sich drängen.
Keine menschlichen Formen, nur Nebelstreifen,
von Ast zu Ast trieben sie durch die Stämme ihr Spiel,
nah und näher, und bevor das Auge sie konnte ergreifen,
eine Wolke grau über die Ebene fiel.

Ach, der Tod treibt sie täglich von den Tafeln des Lebens,
nachts allein sie alle in die Unterwelt zu führen — vergebens,
so dass, in der Stunde des Morgens, wenn das weiße Licht webt,
der Rest ihrer Schatten herab aus Wald und Fels strebt.
Immer, wenn ich betrete diesen schwarzen Wald,
höre ich, wie unter meinen eiligen Schritten es flüstert,
fühle ich in unruhigen Adern plötzlich es kalt,
wie Geisteraugen starren, wo sich das Dickicht verdüstert.

Sieh nur hinab, zu der brauen Pflanze Netze und Strähnen,
wie sie unter Wasser schweben, sich dehnen —
da muss etwas sein, in dem undurchdringlichen Wasser,
etwas liegt da bedeckt, unermesslich, unfassbar!
Wie weich wäre der Fall, wie sicher wäre mein Hafen,
Ein Sprung — und der Mensch ist zwischen Sagen verschwunden.
Ich bin mir gewiss: dort in der Tiefe muss etwas schlafen,
dort muss etwas sein — und es zieht mich nach unten.

 

Bildquelle Černé jezero:  Wikimedia Commons.

Die Ballade vom Schwarzen See

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